„Ohne Silikone, ohne Mineralöl, ohne Parabene" – kaum ein Satz taucht auf Kosmetikverpackungen häufiger auf. Weniger klar ist, was sich wissenschaftlich dahinter verbirgt. Manche dieser Bedenken sind gut belegt, andere sind deutlich differenzierter, als es Werbeversprechen vermuten lassen. Wir möchten Ihnen deshalb nicht einfach eine Verbotsliste präsentieren, sondern zeigen, was Studien und Behörden tatsächlich sagen – und warum wir uns trotzdem so entschieden haben.
Vorsorge ist nicht dasselbe wie Beweis
Bevor es um einzelne Stoffe geht, lohnt sich eine Unterscheidung. Es gibt Inhaltsstoffe, bei denen ein Schaden belegt ist. Es gibt solche, bei denen die Studienlage Fragen offenlässt. Und es gibt Stoffe, die innerhalb gesetzlicher Grenzen als sicher bewertet werden, auf die man aber aus Vorsorge oder aus Überzeugung verzichten kann. Alle vier Stoffgruppen in diesem Artikel liegen an unterschiedlichen Stellen dieser Skala – und genau das ist der interessante Teil.
Ehrliche Kosmetik unterscheidet zwischen dem, was bewiesen ist, und dem, was man aus Vorsorge vermeidet.
Silikone: ein ökologisches Problem, kein Hautproblem
Am klarsten belegt ist die Kritik bei einer bestimmten Untergruppe: den zyklischen Siloxanen D4, D5 und D6 (INCI unter anderem Cyclotetrasiloxane, Cyclopentasiloxane, Cyclohexasiloxane). Die Europäische Chemikalienagentur stufte sie 2018 als besonders besorgniserregende Stoffe ein, weil sie sehr persistent sind und sich in Organismen anreichern. D4 gilt zusätzlich als toxisch für die Umwelt.
Die Konsequenzen sind konkret: D4 ist in Kosmetika in der EU verboten. D5 ist in abwaschbaren Produkten seit 2020 auf unter 0,1 % begrenzt. Die Verordnung (EU) 2024/1328 erweitert die Beschränkung für D4, D5 und D6 auf breiter Front – ab dem 6. Juni 2026, für nicht abgespülte Kosmetik ab Juni 2027. Die Begründung ist dabei fast ausschließlich ökologisch: Kosmetik gilt als Hauptquelle dafür, dass diese Substanzen in Gewässer und Atmosphäre gelangen.
Wichtig für die Einordnung: Das ist eine Umweltbewertung, kein Nachweis, dass diese Stoffe die Haut schädigen. Für lineare Silikone wie Dimethicone gilt diese Beschränkung nicht. Unser Verzicht auf Silikone insgesamt ist deshalb eine Formulierungsentscheidung: Silikone legen einen glättenden Film über die Haut, liefern aber selbst keine pflegenden Lipide. Wir setzen stattdessen auf Öle und Butter, die der Haut tatsächlich etwas geben.
Mineralöl: für die Haut unbedenklich bewertet, bei Lippenpflege diskutiert
Bei Mineralöl ist die Datenlage ambivalenter, als der Ruf des Rohstoffs vermuten lässt. Kosmetisch verwendet wird hochraffiniertes Mineralöl, das im Wesentlichen aus gesättigten Kohlenwasserstoffen (MOSH) besteht. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält bei Anwendung auf der Haut keine gesundheitlichen Risiken für zu erwarten, weil MOSH kaum über die Haut aufgenommen wird. Die EU-Kosmetikverordnung erlaubt Mineralöle nur, wenn die Raffinationsgeschichte bekannt ist oder das Destillat nach einer festgelegten Methode (IP346) geprüft wurde – damit sollen krebsverdächtige aromatische Anteile (MOAH) ausgeschlossen werden.
Anders sieht es bei Produkten aus, die verschluckt werden können. Eine 2023 veröffentlichte Neubewertung von Biopsie- und Autopsiedaten kam zu dem Schluss, dass MOSH sich im menschlichen Gewebe anreichern kann und die Aufnahme über die Haut dafür wenig plausibel ist. Wahrscheinlicher sei eine orale Aufnahme, vor allem über Lippenstifte und Lippenpflege. Deshalb verlangen Branchenempfehlungen für Lippenprodukte besonders strenge Reinheitsvorgaben.
Für uns ergibt sich daraus eine klare Linie: Mineralöl ist ein Erdölprodukt ohne eigenen Pflegewert. Gerade bei einem Lip Balm, den man unweigerlich zum Teil verschluckt, wollten wir diese Diskussion gar nicht erst führen und haben die Rezeptur auf pflanzliche Öle, Wachse und Butter aufgebaut.
Parabene: reguliert und in Grenzen als sicher bewertet
Kaum ein Kosmetikinhaltsstoff ist so umstritten wie Parabene. Auslöser der Debatte war eine Studie von Philippa Darbre und Kollegen aus dem Jahr 2004: Sie wies in 20 untersuchten Brusttumoren Parabene nach, im Mittel etwa 20,6 Nanogramm pro Gramm Gewebe. Parabene besitzen eine schwache östrogenartige Wirkung, was die Sorge nährte, sie könnten zur Entstehung von Brustkrebs beitragen.
Was die Studie nicht zeigt, ist ein ursächlicher Zusammenhang. Sie belegt, dass Parabene im Gewebe nachweisbar sind, nicht dass sie den Tumor verursacht haben. Die Autoren selbst wiesen darauf hin, dass ein Vergleich mit gesundem Gewebe nötig sei. Der wissenschaftliche Ausschuss der EU für Verbrauchersicherheit bewertete 2005 die Datenlage zu Deodorants und Brustkrebs als nicht ausreichend, um einen klaren Zusammenhang herzustellen.
Die Behörden haben trotzdem reagiert. Isopropyl-, Isobutyl-, Phenyl-, Benzyl- und Pentylparaben sind in Kosmetika in der EU verboten. Für die übrigen gelten Höchstwerte: 0,4 % für Methyl- und Ethylparaben, 0,14 % für Propyl- und Butylparaben, 0,8 % für Mischungen. Der Ausschuss bewertete Propylparaben zuletzt 2021 als sicher bis 0,14 %, wies dabei aber ausdrücklich auf Bedenken wegen möglicher hormonähnlicher Eigenschaften hin.
Unser Fazit: Parabene sind in Europa streng reguliert und innerhalb dieser Grenzen als sicher eingestuft. Dass wir trotzdem darauf verzichten, ist eine Vorsorgeentscheidung angesichts der offenen Frage nach hormoneller Wirkung – und weil es Alternativen gibt. Unsere Produkte werden stattdessen mit Benzylalkohol, Salicylsäure und Sorbinsäure konserviert, Face Cream und Eye Cream zusätzlich mit Phenoxyethanol. Das steht offen in der INCI-Liste.
Duftstoffe: Allergien gibt es bei natürlichen wie bei synthetischen
Hier ist die Studienlage am deutlichsten – aber sie führt zu einer anderen Schlussfolgerung, als man erwarten könnte. Duftstoffe gehören zu den häufigsten Auslösern von Kontaktallergien. In der Allgemeinbevölkerung liegt die Häufigkeit einer Duftstoffallergie nach einer Übersichtsarbeit zwischen 0,7 und 2,6 %, bei Menschen, die wegen Hautproblemen getestet werden, zwischen 5 und 11 %. Eine große Metaanalyse von 2019 fand bei der Standardtestung mit Duftstoffmix I eine Sensibilisierung von 3,5 % in der Allgemeinbevölkerung.
Entscheidend ist ein Punkt, der in der „Natur gegen Chemie"-Debatte oft untergeht: Der Ausschuss für Verbrauchersicherheit hat 54 einzelne Duftstoffe und 28 natürliche Extrakte, also ätherische Öle, als nachgewiesene Kontaktallergene beim Menschen identifiziert. Natürlich bedeutet deshalb nicht automatisch verträglicher. Genau deshalb verpflichtet die EU zur Deklaration bekannter Duftstoffallergene, und die Liste wurde 2023 deutlich erweitert.
Unsere Position ist daher eine andere als „natürlich ist besser": Wir verzichten auf synthetische Duftstoffkomplexe und verwenden ätherische Öle wie Süßorangenöl. Die darin enthaltenen Allergene – etwa Limonene, Citral oder Linalool – deklarieren wir vollständig auf dem Etikett, damit Menschen mit bekannter Duftstoffallergie informiert entscheiden können. Wer empfindlich reagiert, findet außerdem Produkte ohne Duftstoffe in unserem Sortiment, etwa die Eye Cream.
| Stoffgruppe | Was die Forschung sagt | Stand in der EU |
|---|---|---|
| Zyklische Silikone (D4, D5, D6) | Sehr persistent, reichern sich in Organismen an – vor allem ein Umweltproblem | D4 verboten, D5 und D6 zunehmend beschränkt |
| Mineralöl (MOSH/MOAH) | Hautaufnahme gering, Bedenken vor allem bei oraler Aufnahme über Lippenpflege | Nur hochraffiniert mit geprüfter Reinheit erlaubt |
| Parabene | Schwache Östrogenwirkung, im Gewebe nachweisbar, kein belegter Ursachenzusammenhang | Fünf Parabene verboten, übrige mit Höchstwerten erlaubt |
| Duftstoffe (synthetisch und natürlich) | Häufige Kontaktallergene, auch ätherische Öle sind betroffen | Kennzeichnungspflicht für bekannte Allergene, 2023 erweitert |
Was am Ende zählt
Wenn wir diese vier Punkte nebeneinanderlegen, ergibt sich ein ehrlicheres Bild als jede Verbotsliste: Bei Silikonen sprechen belegte Umweltgründe, bei Mineralöl die Diskussion um Lippenprodukte, bei Parabenen die offene Frage nach hormoneller Wirkung und bei Duftstoffen das Allergiepotenzial für Verzicht oder Transparenz. Nichts davon ist ein Skandal, alles davon ist eine Entscheidung. Wir haben sie getroffen, weil wir überzeugt sind, dass gute Pflege ohne diese Kompromisse auskommt – und wir möchten, dass Sie nachvollziehen können, warum.
Häufige Fragen
Sind Produkte mit Parabenen gefährlich?
Nach aktueller Bewertung der europäischen Behörden sind die zugelassenen Parabene innerhalb der festgelegten Höchstwerte sicher. Offen ist die Frage möglicher hormoneller Effekte, weshalb manche Hersteller aus Vorsorge verzichten.
Ist Mineralöl in Kosmetik krebserregend?
Bei hochraffiniertem Mineralöl, wie es in der EU vorgeschrieben ist, sehen das BfR und andere Institutionen für die Anwendung auf der Haut keine Gesundheitsrisiken. Diskutiert wird die orale Aufnahme über Lippenprodukte.
Sind Silikone schlecht für die Haut?
Die strengsten Beschränkungen betreffen zyklische Silikone und sind ökologisch begründet, nicht hautmedizinisch. Der Verzicht auf Silikone ist eher eine Frage der Rezepturphilosophie: Sie liefern einen Film, aber keine Pflegestoffe.
Sind natürliche Duftstoffe verträglicher als synthetische?
Nicht pauschal. Auch ätherische Öle enthalten Stoffe, die Kontaktallergien auslösen können. Entscheidend ist eine transparente Deklaration der enthaltenen Allergene, damit Betroffene diese meiden können.
Woran erkenne ich diese Stoffe auf der Verpackung?
Silikone enden meist auf „-cone" oder „-siloxane", Mineralöl steht als Paraffinum Liquidum oder Petrolatum in der Liste, Parabene enden auf „-paraben". Duftstoffe erscheinen als „Parfum" oder „Aroma", bekannte Allergene werden zusätzlich einzeln genannt.
Quellen
- Europäische Kommission: Verordnung (EU) 2024/1328 zu D4, D5, D6 – eur-lex.europa.eu
- Darbre PD et al. (2004): Concentrations of parabens in human breast tumours. Journal of Applied Toxicology 24(1):5–13 – doi.org/10.1002/jat.958
- SCCS (2021): Final Opinion on Propylparaben, SCCS/1623/20 – PubMed
- Cosmetic Ingredient Review: Amended Safety Assessment of Parabens (zur Übersicht der EU-Grenzwerte) – SAGE
- BfR-Bewertung zu Mineralölen in Kosmetika, wiedergegeben bei CosmeticOBS – cosmeticobs.com
- Chuberre B et al. (2019): Mineral oils and waxes in cosmetics. JEADV – Wiley
- Re-evaluation of biopsy and autopsy data on MOSH accumulation (2023), Journal of Consumer Protection and Food Safety – Springer
- Allergic Contact Dermatitis to Fragrances (Übersichtsarbeit) – PubMed
- Alinaghi F et al. (2019): Prevalence of contact allergy in the general population. Contact Dermatitis 80:77–85 – PubMed
- Europäische Kommission: Perfume Allergies (SCCS-Bewertung) – ec.europa.eu

